Tanzwissenschaftspreis NRW 2016 Tanzwissenschaftspreis NRW 2016

Es ist alles andere als verstaubt und altmodisch, sondern ein hochmoderner, sorgfältig geordneter Studienort, in dem man die Geschichte des Tanzes in seiner Vielfalt aufnehmen, recherchieren und staunend bewundern kann: das Deutsche Tanzarchiv Köln.
Das Archiv ist eine international anerkannte Einrichtung, die jährlich von vielen Hundert Studierenden, Wissenschaftlern und Interessierten genutzt wird.
Dr. Frank-Manuel Peter, Leiter des Deutschen Tanzarchivs Köln, wirft ein Schlaglicht auf die Bedeutung und die vielfältigen Aufgaben, die das Archiv heute wahrnimmt.

Eine Vision von einst scheint heute zum Greifen nah

Eigentlich muss man die Notwendigkeit und Bedeutung von Tanzwissenschaft nicht begründen. Ebenso selbstverständlich, wie Picasso oder Nolde sich an den alten Meistern einer einstigen Avantgarde schulten, bevor sie sich aus dem akademischen Kanon ihrer Zeit lösen und zu Meistern einer neuen Avantgarde werden konnten, so selbstverständlich erforschen die Kunsthistoriker und Kunstwissenschaftler die Künstler und ihre Werke – nicht isoliert, sondern auf der Basis des sich erarbeiteten Wissens über die Entwicklungen und größeren Zusammenhänge. Warum sollte das bei der Tanzkunst anders sein? Erkenntnis basiert auf Kenntnis. Die geistigen Köpfe des Tanzes in Deutschland wie Laban oder Jooss haben sich stets für die Verbindung von Tanzwissenschaft mit der praktischen Tanzausbildung an den Hochschulen engagiert. Das 1943 kriegszerstörte Tanzarchiv an den Deutschen Meisterstätten für Tanz in Berlin war als einzigartiges Zentrum der Bildung und Erforschung im Bereich des Tanzes angelegt.

"Kölner Impulse" - Die Anfänge

1961 richtete der Choreograph Aurel von Milloss bei der Staatlichen Hochschule für Musik Köln das Institut für Bühnentanz mit sowohl einer Fachschule für Bühnentänzer, als auch einer Hochschule für künstlerischen Tanz ein. Letztere hatte fünf Studienrichtungen für ein jeweils viersemestriges Studium, und eine davon war die Tanzwissenschaft. Auch die „Wissenschaftliche Forschung und Kodifikation auf allen Gebieten des Tanzes (Sammlung und Archivierung einschlägigen Materials einschl. Bibliothek, Filmothek und Diskothek)“, so ein Prospekt, gehörte zu den Aufgaben des neuen Hochschulinstituts. Dieser – zu Zeiten hoher Studiengebühren – nur kurzlebige Studiengang ist als "Kölner Impuls" für die deutsche Tanzwissenschaft nicht ohne Folgen geblieben. Einer der damaligen Studenten war Ulrich Tegeder, und wenn heute in den Goethe-Instituten überall auf der Welt seine Tanz-Dokumentarfilme zu Kurt Jooss, Mary Wigman, Dore Hoyer, Harald Kreutzberg usw. angesehen werden können, dann ist das zweifelsfrei auf die fruchtbare Anregung dieses von Aurel von Milloss geleiteten Tanzwissenschafts-Studiengangs zurückzuführen. Und beweist, dass Tanzwissenschaft – wie Kunstgeschichte oder Theaterwissenschaft auch – nicht ein "l'art pour l'art"-Studiengang ist und nur in einer sehr geringen Anzahl von Hochschuldozenten eine Berufsperspektive hat, sondern in die verschiedensten Berufsfelder führt und im Idealfall praxisorientiert angelegt sein sollte.

Die andere positive Nachwirkung des "Kölner Impulses" war die Mitte der 1960er Jahre realisierte, vom Kölner Kulturdezernenten Kurt Hackenberg betriebene Übersiedlung des privaten, erklärtermaßen die verbrannten Berliner Bestände ersetzenden Tanzarchivs von Kurt Peters von Hamburg nach Köln. Zwar kam die versprochene Trägerschaft durch das Land NRW bis heute nicht zustande und die der Stadt Köln erst nach zwanzig Jahren in Kooperation mit der SK Stiftung Kultur. Doch Kurt Peters wurde Co-Leiter des Instituts für Bühnentanz und bezog sein weiterhin privates Tanzarchiv in den Unterricht für die Tanzstudenten ein. Die von Aurel von Milloss 1961 außerdem gegründete Personenvereinigung "Deutsche Akademie des Tanzes", bei der Peters als Schriftführer mitwirkte, gründete dieser 1987 neu und engagierte sich mit ihr anschließend auch für eine erneute Ansiedlung der Tanzwissenschaft mit einem Lehrstuhl in Köln.

Eine Professur für Tanzwissenschaft in Köln

Die dann vom zuständigen Ministerium Ende der 1990er Jahre ermöglichte Kölner Professur für Tanzwissenschaft kann als zweiter "Kölner Impuls" für die Tanzwissenschaft verstanden werden. Sie war die erste im deutschsprachigen Raum und wurde überregional als sensationelle positive Entwicklung gewürdigt. Nicht jedoch von der damaligen Leitung des Instituts für Bühnentanz, von der diese wissenschaftliche Erweiterung nicht angestrebt worden war. Deshalb erwies sich die Integration in die praxisorientierte Ausbildung der Studierenden in den ersten Jahren als schwierige Herausforderung. Nach dem Fortgang der ersten berufenen Professorin, Claudia Jeschke, war ich als Leiter des Tanzarchivs seit 2005 auf Bitten der Institutsleitung lehrbeauftragt und mit bis zu sechs SWS bemüht, den Unterricht bis zur immer wieder in Frage gestellten und verschobenen Wiederbesetzung aufrecht zu erhalten. Allerdings war nur ein tanzgeschichtlicher Unterricht vorgesehen, mit der Pflicht zu Referaten, die zumindest den Studenten im Diplomstudiengang Tanz (im Gegensatz zum Tanzpädagogikstudiengang) oft schwer fielen.

Erst eine veränderte Ausrichtung des Instituts und eine neu formierte Institutsleitung ermöglichten auch hier Erneuerungen. Es war immer noch Propädeutik und Tanzgeschichte zu vermitteln, aber die Unterrichtsformate konnten praxisorientierter ausgerichtet werden. Hatte ich schon vorher versucht, beispielsweise im Modul zur Geschichte des modernen Tanzes einige im praktischen Unterricht am Institut fehlende (amerikanische) Tanztechniken filmisch beizusteuern, so bot sich nun die Möglichkeit, den Geschichtsunterricht mit kurzen Workshops zur (deutschen) Tanztechnik von Laban (Gisela Peters-Rohse) und Wigman (Katharine Sehnert) zu kombinieren und die ältere Generation als Zeitzeugen in den theoretischen Unterricht einzuladen. Trotzdem war weiterhin zu wenig Freiraum im Stundenplan, um die von den allgemeinbildenden Schulen hinterlassenen weißen Stellen in der kulturgeschichtlichen Landkarte der jungen Studierenden zufriedenstellend auszufüllen. Es fehlte die Zeit, etwa Jean Cocteau (im Zusammenhang der Ballets Russes) hinreichend vorzustellen oder gar Akira Kurosawas Film "Rashomon" oder Frank Wedekinds "Lulu"-Dramen als Beispiele für die Transponierung berühmter Stoffe vom Film oder von der Schauspielbühne auf den Tanz (durch Tatjana Gsovsky, Jochen Ulrich) einzubeziehen.

Das Studium als choreographisches Labor

In Absprache mit der neuen Leitung erprobte ich ein neues Format: Die Studierenden des ersten Jahres erhielten im Seminar zur Geschichte des modernen Tanzes anhand der Archivalien und Fotos einen vertiefenden Einblick in die Arbeit Dore Hoyers, ihre individuellen beschreibenden und gezeichneten Tanznotationen, in den filmisch dokumentierten Tanzyklus "Affectos humanos". Gleichzeitig nutzte Anja Hirvikallio auf meine Bitte im Kinetographie-Unterricht derselben Klasse zwei Takte der von ihr angefertigten Laban-Notation des Tanzes "Hass" aus diesem Zyklus als Beispiele für das Erlernen der Notationsschrift. Und Martin Nachbar, der diesen Tanz einst mit der Freundin Dore Hoyers, der Tanzpädagogin Waltraud Luley, selbst einstudiert hatte, kam auf meine Bitte als Gast nach Köln: um im Studio mit Robina Steyer, einer Studentin des Abschluss-Semesters, an dem von ihr zuerst alleine nach der Filmaufzeichnung einstudierten Tanz zu arbeiten. Schließlich fand eine gemeinsame Doppelstunde im Studio statt. In der ersten Hälfte schauten die Studierenden der ersten Klasse der Probe der quasi fertig ausgebildeten Studentin unter Einsatz des Films und unter ständigen Korrekturen Martin Nachbars zu. Die im Film von Dore Hoyer getanzten Sequenzen erwiesen sich für die Zuschauer bei der Beobachtung der Einstudierung als tanztechnisch höchste Herausforderung, namentlich im Bereich der Dynamik. Dann konnten die Studenten der ersten Klasse allen Beteiligten Fragen stellen, um sich schließlich in der zweiten Hälfte selbst unter Anleitung von Martin Nachbar, Robina Steyer und Anja Hirvikallio tanzend an den zwei bereits zuvor von ihnen in der Kinetographie gelernten Takten des Tanzes zu versuchen. Die Verbindung von Theorie und Praxis, noch dazu im Zusammenhang mit einem bedeutenden historischen Tanzkunstwerk, war zuvor noch nie in diesem Maß im Unterricht am Institut zum Tragen gekommen. Bleibt noch zu erwähnen, dass Robina Steyer den Tanz fast bis zur Aufführungsreife einstudiert hat und das Tanzarchiv – auch eine Besonderheit der Kölner Ausbildung – ihr die Aufführung ermöglichen kann, da es über die choreographischen Urheberrechte einiger der wichtigsten deutschen Tanzpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts wie Dore Hoyer, Mary Wigman oder Valeska Gert verfügt.

Das Deutsche Tanzarchiv Köln als Ort für praxisbezogenen Unterricht

Nach der Wiederbesetzung der Professur 2009 mit Yvonne Hardt, der völligen Neustrukturierung der Studiengänge im Zug des Bologna-Prozesses und der Erweiterung um einen Masterstudiengang in Tanzwissenschaft hat die Hochschule für Musik und Tanz die in den beiden "Kölner Impulsen" 1961 und in den 1990er Jahren angestrebte Basisausbildung für eine praxisnah orientierte Tanzwissenschaft erreicht. Außerdem bietet sie als bisher einzige deutsche Hochschule die Promotionsmöglichkeit im Fach Tanzwissenschaft an. Die enge Verzahnung mit dem Deutschen Tanzarchiv Köln als An-Institut ist Voraussetzung und ein weiteres Alleinstellungsmerkmal. Bestes Beispiel für die positive Entwicklung der Kooperation ist die Einrichtung des gemeinsamen "Forschungskollegs Tanzwissenschaft" mit seinen vielfältigen Chancen und Möglichkeiten, die Forschung und die wissenschaftliche Ausbildung gemeinsam weiterzuentwickeln und hierbei die einzigartige Fülle der archivierten Dokumente und Quellen zu nutzen.

Für die Kölner Studenten findet der tanzwissenschaftliche Unterricht seitdem nicht nur durch die hauptamtliche Professorin und ihre Assistentinnen im Institut statt, sondern auch (durch den seit 2012 als Honorarprofessor in die Lehre eingebundenen Archivleiter) im Tanzarchiv selbst. Für den BA-Studiengang Tanz bedeutet dies, im Archiv in einer Übung möglichst die ganze Bandbreite der für die Erforschung des Tanzes im Archiv zur Verfügung stehenden Quellen überblicksartig kennen zu lernen und vertiefend erste Erfahrungen im wissenschaftlichen Umgang damit, also in deren Auswertung und Nutzung machen zu können. Ziel ist es, im weiteren Studium mit diesen Quellen kritisch arbeiten zu können, beispielsweise im Bereich der über 600.000 Zeitungsausschnitte anhand der Rezensionen der ersten zwei Jahre die Anfänge von Pina Bausch am Theater in Wuppertal (oder von John Neumeier an der Oper in Hamburg) zu untersuchen. Von ebenso großer Bedeutung ist die umfangreiche Film- und Videosammlung, die zur kostenlosen Einsichtnahme bereit steht. Auch die Studierenden des MA-Studiengangs „Tanzvermittlung“ nutzen das Archiv. Besonders intensiv ist die Verbindung von Archiv und Ausbildung im MA-Studiengang Tanzwissenschaft. Hier arbeiten die Studierenden mit den Künstlernachlässen an der Schnittstelle zu ihrer angestrebten Berufspraxis, in der die Veröffentlichung der eigenen Forschungen und Erkenntnisse eine große Rolle spielen wird. Eine kritische Auswertung eines Tänzernachlasses führt am Ende des Semesters vielleicht zu einem Beitrag auf den Internetseiten des Tanzarchivs als erster Veröffentlichung. Kölner Studentinnen haben hier anhand der gesammelten Programmzettel und Kritiken ein Werkverzeichnis der Tänzerin Valeska Gert erarbeitet, das in ein Buch über die Gert aufgenommen wurde und zeitgemäß auch online zugänglich ist. Das bisher aufwändigste Projekt mit den MA-Studierenden war die Arbeit an einem ganzen Buch: Einer Monographie über die Tänzerin und Choreographin Yvonne Georgi, in deren Zentrum die Veröffentlichung ihres USA-Tourneetagebuchs von 1929/1930 steht. Neben der Auseinandersetzung mit allen editorischen Fragestellungen vom Entziffern der Handschrift bis zur Identifizierung von Personen oder zur Bebilderung bot das Projekt die Chance, sich mit ersten wissenschaftlichen Aufsätzen der Öffentlichkeit zu präsentieren. Der Band steht kurz vor der Drucklegung.

Kooperation mit anderen Hochschulen

Auch die anderen Hochschulen und Universitäten nutzen seit langem das Deutsche Tanzarchiv Köln für ihre Forschungen und Seminare. Die Universität zu Köln und die Deutsche Sporthochschule Köln haben hierbei einen Standortvorteil, um den sie von jedem, der erst eine Reise planen muss, beneidet werden. Mit der Folkwang Universität der Künste in Essen besteht eine enge Kooperation, und die zu Blockseminaren anreisenden Studenten und Dozenten werden vom stellvertretenden Archivleiter Thomas Thorausch betreut. Reisen die Studenten als Gruppe beispielsweise von Berlin oder aus Hamburg an, versucht das Archiv, auch dies organisatorisch zu ermöglichen und eine entsprechende Betreuung sicherzustellen. Additiv gesehen stellen aber, von den Besuchern der Tanzmuseumsausstellungen und der diversen Veranstaltungen abgesehen, die einzeln anreisenden Forscher die größte Gruppe der Nutzer dar. Nicht immer, aber sehr häufig findet die Anerkennung der Arbeit des Deutschen Tanzarchivs Köln auch darin ihren Niederschlag, dass die lehrende und forschende Wissenschaft das Archiv aktiv unterstützt, indem neue Veröffentlichungen ungefragt übersandt oder gar Dokumente und ganze Tänzernachlässe nach Köln vermittelt werden.

1989 schrieb ich in einem Ausstellungskatalog: „Das Tanzarchiv der Zukunft wird Informationen und Recherchen im Online-Zugriff auf Tanzdatenbanken ermöglichen.“ Die technischen Möglichkeiten haben sich seitdem enorm entwickelt. Innerhalb des Tanzarchivs ist diese Vision, wenn auch in einem – gemessen am Bestandsvolumen und in Bezug auf die der Verzeichnung beigefügte Digitalisierung – noch eher bescheidenen Umfang bereits Realität geworden. Was fehlt, ist also „nur“ noch die deutlich verstärkte Digitalisierung der Bestände einerseits – und eine rechtliche und finanzielle Lösung andererseits, um diese Digitalisate der Wissenschaft und Forschung auch überregional zugänglich machen zu können.

Frank-Manuel Peter

Deutsches Tanzarchiv Köln Wissenschaftsministerium NRW