Tanzwissenschaftspreis NRW 2016 Tanzwissenschaftspreis NRW 2016

Im Jahr 2000 wurde bundesweit die erste Professur für Tanzwissenschaft an der Kölner Hochschule für Musik eingerichtet. Bis dahin wurde die Tanzwissenschaft nicht als eigene Disziplin, sondern als eher exotischer Teilbereich der Theaterwissenschaft angesehen. Prof. Dr. Claudia Jeschke war die erste Professorin, die den Lehrstuhl in Köln innehatte.

- Wie kam es zu diesem Ruf nach Köln, und wie hast Du die Anfänge dieses Lehrstuhls in Köln erlebt?

Es gab eine Ausschreibung für eine C3-Professur mit Gender-Schwerpunkt, was zu diesem Zeitpunkt noch vor allem Frauenforschung meinte, ich habe mich beworben und den Ruf erhalten. Die Anfänge waren ebenso verunsichernd wie motivierend: Die Fragen waren: Wie lässt sich akademisch informiertes, wissenschaftliches Arbeiten in die beiden bis dato vor allem praktischen Studiengängen der Tanzausbildung und der Tanzpädagogik sinnvoll integrieren? Und auf welche Weise, wenn überhaupt, sind Theorie und Praxis in der Ausbildung für beide Seiten effektiv, d.h. wissensfördernd zu verbinden?  

- Wie hat sich die Tanzwissenschaft als eigenständige Wissenschaftsdisziplin seither entwickelt und etabliert?

Im deutschsprachigen Raum existiert eine aktive tanzwissenschaftliche Szene mit habilitierten, berufenen oder ähnlich ausgewiesenen Wissenschaftlerinnen – angesiedelt einmal in akademischen Universitäten im Umfeld von Literatur-, Theater- und Musikwissenschaften, in der Soziologie, den Performance Studies und zum anderen in den Kunst-Universitäten, die Tanz-, Pädagogik und Choreographie-Lehrgänge anbieten.

- Wo liegen Nutzen und Möglichkeiten für Tanzschaffende, die sich diesem Fach widmen? Welche beruflichen Wege haben zum Beispiel Deine Studenten/ Doktoranden eingeschlagen?

Tanzschaffende selbst haben sich bislang vor allem in den speziell auch für Praktiker zugänglichen oder extra für sie geschaffenen Studiengängen an die üblichen traditionellen Anforderungen eines akademischen Studiums herangewagt – die in der Tanzwissenschaft nahezu ‚klassische‘ Distanz zwischen Theorie und Praxis blieb und bleibt spürbar. Und für explizit tanzwissenschaftlich engagierte Studierende (besonders diejenigen, die sich mit Tanzhistoriographie befassen) ist die universitäre Stellenlage in den deutschsprachigen Ländern eher dünn. Jedoch arbeiten fast alle meiner Studierenden mit einem akademischen Abschluss (MA bzw. Diss) in einem Beruf mit Tanzbezug.

- Welche Schwerpunkte der tanzwissenschaftlichen Forschung gibt es heute?

Tanz ist ein komplexes Phänomen, das eine Vielzahl möglicher Herangehensweisen ermöglicht: akademische bis praxeologische – von geistes-, kunst-, kultur-, gesellschafts-, naturwissenschaftlichen Entwürfen bis zu vielschichtigen Erkundungen von tänzerischen und choreographischen Praxen…

Deshalb weisen tanzwissenschaftlich Arbeitende je persönliche Profile auf, die jedoch nicht nur eigene Interessen spiegeln, sondern auch die strukturpolitischen und konzeptionellen Bedingungen der jeweiligen Institution (also des Arbeitgebers) integrieren (sollten). Allerdings werden bislang die Bedürfnisse und Anforderungen der unterschiedlichen Arbeitssituationen von Tanzwissenschaftlern an den Universitäten (traditionell akademischen Universitäten sowie künstlerischen, praxisorientierten Hochschulen oder ehemaligen Konservatorien)nur ansatzweise in den Lehr- und Forschungs-Curricula tanzwissenschaftlich affiner Studiengänge abgebildet. Ob es angesichts der Asymmetrie zwischen theoretisch orientierten tanzwissenschaftlichen Lehr- und Forschungsprofilen und den tanzpraktisch ausgerichteten beruflichen Anforderungen an den künstlerischen Institutionen weiterhin um die momentan zu beobachtende praktizierte Bildungs-Flexibilität tanzwissenschaftlicher Studiengänge gehen oder eher um deren an die jeweiligen Ausbildungsziele der Berufsfelder (Tanz, Pädagogik, Choreographie) angepasste Revision angestrebt werden sollte, bleibt eine offene Frage der ‚Disziplin Tanzwissenschaft‘.

- Wo steht die Tanzwissenschaft in Deutschland heute? Wie fällt der Vergleich mit Lehre und Forschung im internationalen Kontext aus?

Ich habe die letzten elf Jahre in Österreich gearbeitet, kann mit diesem Außenblick aber sagen, dass sich die zunehmende Quantität und Qualität tanzwissenschaftlicher Forschung– wenigstens zeitweise – in der Gründung neuer Abteilungen niedergeschlagen hat und dass der Austausch zwischen europäischen, anglo-amerikanischen, aber auch asiatischen Forschern lebendig und interdisziplinär/interinstitutionell befruchtend ist.

- Welche Bedeutung haben die Tanzarchive für die tanzwissenschaftliche Lehre und Forschung? Gibt es Verbesserungsbedarf in der Beziehung Archiv - Wissenschaft? Was wünschen sich Lehrende und Forschende heute von einem Archiv der Tanzkunst?

Tanzarchive sind zentral für die Wissensproduktion im Tanz; ich sehe sie als eigenständige wie gleichwertig verantwortliche Kommunikationspartner in intensivem und produktivem Austausch mit denjenigen Tanzwissenschaftlern, deren akademische und/oder künstlerische Forschungsgebiete sich mit der sammelnden Forschung der Archive überschneiden. Der kritische Archiv-Diskurs der letzten Dekaden hat den Dialog zwischen Archiv und Wissenschaft (also auch zwischen Tanzarchiven und Tanzwissenschaft) belebt.

- Im Wissenschaftsranking sind die Geisteswissenschaften gegenüber der naturwissenschaftlichen Lehre und Forschung ins Hintertreffen geraten. Wie steht es heute um die Akzeptanz und Förderung der Tanzwissenschaft in Deutschland?

Wiederum mein Außenblick: Nachdem der Tanzplan Deutschland in Folge des Bologna-Prozesses der Tanzwissenschaft einen Aktivitätsschub ermöglicht hat, werden in der letzten Zeit die Probleme der Institutionalisierung von Tanzwissenschaft an akademischen wie künstlerischen Instituten mit ihren unterschiedlichen Anforderungen evident. Die akademischen Universitäten sehen aufgrund der inter-bzw. transdisziplinären Ausrichtung der Fachrichtung nur noch bedingt die Notwendigkeit von eigenständigen tanzwissenschaftlichen Abteilungen. Die Kunstuniversitäten hingegen haben Bedarf an auch praxeologisch/tanzpraktisch orientierten Wissenschaftlern – ein Tätigkeitsbereich, der seit einigen Jahrzehnten in unscharfer bis flexibler Profilierung als ‚artistic research‘ tituliert wird, aktuell vermehrte kritische, d.h. auch: diskursive, Aufmerksamkeit erfährt.

Deutsches Tanzarchiv Köln Wissenschaftsministerium NRW